Tumi ist kein kleiner Junge, und er ist auch nicht klein im Verhältnis gesehen zu dem Ort, wo er sich wohnlich niedergelassen hat. Und er ist auch nicht lieb und kuschelig. Ich will mit ihm reden, ihn fragen, warum er sich bei mir eingenistet hat. Und eventuell einen Kompromiss mit ihm abschließen. Tumi ist der Tumor, den ich ertastete und der mein Leben mit einem Schlag geändert hat.

Weil mir Schreiben schon immer half, Ereignisse aufzuarbeiten, will ich auch jetzt versuchen, meine Ängste, meine Gedanken und alles, was auf mich zukommt, niederschreiben.

Es sind Winterferien und ich habe in dieser Woche keine Nachhilfe bei meinen drei Schülern. Ich freue mich auf den Tag und nehme mir vor, ein wenig mit dem Auto unterwegs zu sein, um dabei gleichzeitig einige Einkäufe zu erledigen.

Erst einmal in Ruhe duschen und das neue Duschbad ausprobieren und dann die neue Körperlotion benutzen. Das sind alles kleine Freuden, die mir helfen, darüber hinwegzukommen, dass ich allein bin, weil sich mein Mann seit letztem Oktober in der Psychiatrie   aufhält.

Beim Eincremen schau ich in den Spiegel und erschrecke. Was ist das da an meiner rechten Brust? Eine Delle oberhalb der Brustwarze. Panik überfällt mich. Ich renne in mein Zimmer zum Telefon. Vor Aufregung finde ich die Telefonnummer meiner Frauenärztin nicht auf dem Display. Schnell das Notizbuch öffnen, schnell schnell! Doch es fällt mir aus der Hand. Endlich, hier ist die Telefonnummer. Ich wähle und versuche normal zu sprechen und nicht zu weinen. Die Schwester sagt: „Kommen Sie gleich nach der Sprechstunde 11.30 hier her in die Praxis“.

Es ist 9 Uhr und die Zeit schleicht dahin wie eine Schnecke. Wie eine Nacktschnecke. Ich zwinge mich, erst einmal etwas zu essen und einen Tee zu trinken. Ich laufe in der Wohnung herum, räume auf, sauge Staub, das alles nur, damit die Zeit vergeht. Mehrmals zum Fenster hinausschauen, wozu eigentlich? Da ist kein Befund zu sehen und es wartet auch keine Fee darauf, mich zu erlösen.

Endlich! Es ist kurz vor 11 Uhr, ich laufe los. Ich wiederhole unentwegt den Wortlaut meiner Meditation. Doch sie nützt nicht.

Ziemlich außer Atem und angsterfüllt betrete ich die Praxis. Die Schwester begrüßt mich.  „Ich nehme Sie gleich mit“. Eine Patientin im Warteraum schaut mich verwundert an, vielleicht denkt sie, nanu, ich bin doch erst an der Reihe. Gern würde ich jetzt mit ihr tauschen.

Meine Ärztin kenne ich schon viele Jahre und ich habe totales Vertrauen zu ihr. Sie untersucht zuerst einmal die unteren Regionen. „Da ist alles in Ordnung“ meint sie. Und dann „Nun machen Sie mal die Brust frei.“ Schon ihr Blick sagt mir alles. Und dann das schweigende Abtasten. „Ich schicke Sie zur Mammografie, kommen Sie, setzen Sie sich erst mal, die Schwester ruft gleich in der Radiologie an.“

Mein Herz klopft laut und ich ahne, dass da etwas Schlimmes auf mich zu kommt. Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gekommen bin. Die Tür aufschließen, jetzt kann ich erst mal heulen.

Wie es weiterging, kann man hier lesen: http://www.herbstleben.blogspot.com