Am ersten Abend meines Reha-Aufenthaltes in St. Wendel wurde ich von den unterschiedlichsten Gemütsregungen hin- und   hergerissen.       Ich wusste zwar: So konnte es nicht mehr mit mir weitergehen. Aber trotzdem wäre ich am liebsten aus der Klinik   geflüchtet. Irgendwie war    ich doch zurechtgekommen, warum sollte es nicht weiter so funktionieren. Was wollte ich überhaupt hier? Doch dann schöpfte ich wieder        Hoffnung. Nur nicht gleich aufgeben, es war doch ganz normal, dass ich Probleme mit der neuen   Umgebung   hatte.

  Zuerst einmal den Koffer auspacken. Was fiel mir dabei in die Hände? Zeichenblock und Farbkasten! Sollte ich es   nicht wagen? Mein   erstes    Motiv sollte der Sonnenuntergang sein, den ich von meinem Fenster aus erblicken konnte. Diese Farben,   so  müsste man malen.   malen zu    können. Ich probierte es, aber das fertige Bild wirkte auf mich wie ein Albtraum. Ich hatte ja   gewusst, dass ich nichts zustande   bekam. Woher auch? Wieder einmal eine fixe Idee, eine Selbstüberschätzung! Ich durfte einfach   nicht auf dieses Etwas in meinem Inneren   hören, das mir da irgendwelche  gute Ratschläge geben wollte!

  Schnell das Bild   zerschneiden, und ab in den Papierkorb! Nein, doch lieber   in die Schublade! Einige Tage später klebte ich die Teile fein       säuberlich   zusammen, nachdem ich sie zurechtgestutzt hatte. Ich nahm damit   meine Situation an und begab mich auf den Weg „Heilen     durch   Malen”. Zuhause angekommen war ich nicht mehr zu halten. Ein Bild nach dem anderen entstand. 

  (Aus meinem Buch "Untermieter Tinnitus-gehasst-geduldet-angenommen")